von Karl Heller, Demeter-Imkerei HONIGSTADT, 1170 Wien, Weihnachten 2015

Die Biene ist ein Licht- und Sonnentier, deren Leben maßgeblich vom Rhythmus der Sonne beeinflusst ist. Wenn am 21. Dezember die Sonne am südlichen Wendekreis steht und bei uns die Nacht am längsten und der Tag am kürzesten ist, ruht der Bien schon längst in der Wintertraube.

Das Bienenvolk umfasst jetzt im Winter nur noch ungefähr ein Drittel der Individuenzahl, die das Sommervolk hatte. Nach den ersten Frostnächten hat die Königin aufgehört Eier zu legen und die Bienen scharen sich träumend um sie, verzehren die Wintervorräte und halten sich durch zarte Muskelvibrationen warm. Für uns Imkerinnen und Imker ist es immer wieder eine Freude, wenn wir beim Besuch am Bienenstand in den Weihnachtstagen das sanfte, ruhige Summen aus dem Inneren des Bienenstockes hören können. Der Bien träumt. Aber wovon träumt der Bien wohl zur Winterszeit?

Vielleicht träumt er von blühenden Weiden und Haselsträuchern, von Schneeglöckchen und Krokus, von deren Blüten er sich bald wieder laben und neue Kraft schöpfen wird.

Sicher träumt der Bien von einem Blütenmeer in einer artenreichen Landschaft und einem hohen
Kirschbaum, auf dem sich um Johanni die Schwarmtraube sammeln kann, bevor die Schwarmkönigin mit ihrem Hofstaat eine neue Behausung bezieht. Als Dank für die Kraft der Sonne werden die Bienen dann mit Freude den Pollen von Blüte zu Blüte weitertragen und so für die Fruchtbildung im Pflanzenreich Sorge tragen.

Damit dieser Traum in Erfüllung geht, wünschen wir uns und unseren Bienen, dass vor allem die vielfach ohnmächtige bäuerliche Empfindung zu neuem Leben erwacht und somit wieder ein maßgeblicher Gestaltungsfaktor in der Landwirtschaft wird.

Dann werden unsere Landwirte wieder zu selbstbestimmten Bäuerinnen und Bauern und die pflegerische Aufgabe wird vor der Ertrags- und Profitoptimierung stehen. Mutige Schritte müssen in die Zukunft gemacht werden, die wissenschaftliche Lehrmeinung muss hinterfragt werden und die bäuerliche Empfindung kann so zu einer Weisheit reifen, die der modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnis als Ergänzung zur Seite steht.

Dann wird es wieder Blumen und Sträucher an den Feldrändern geben. Hecken und Streuobstwiesen werden unsere Landschaft prägen, in der gesunde Bienen fliegen und wir Imkerinnen und Imker werden wieder genug Zeit finden, um unsere Bienen am Flugloch zu beobachten, die Beobachtung mit der Erfahrung zu vergleichen, um daraus die Erkenntnisse für unser Handeln zu erlangen.

Das wünschen wir unseren Bienen und uns allen zu Weihnachten.

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